Ausgabe 2/2009
03/01/09
Weiterentwicklung erprobter Tragmittel im Aufzugsbau
Stahl – ein Werkstoff mit Potenzial für Leistungssteigerung und Energieeffizienz
Dr.-Ing. Ernst Wolf, Dr.-Ing. Andreas Franz
Energieeffizienz, ökologische Effizienz, Umweltverträglichkeit – Begriffe, die heute auch aus der Aufzugsindustrie nicht mehr wegzudenken sind. Standen vor wenigen Jahren noch immer schnellere und höhere Aufzüge zu möglichst günstigen Preisen im Vordergrund der Entwicklung, geht der Trend jetzt dahin, sparsame und ressourcenschonende Anlagen zu installieren. Mit der Konstruktion des ersten maschinenraumlosen Aufzuges 1996 hat eine Entwicklung zu immer kleineren und effizienteren Antrieben eingesetzt, bei der bisherige Konzepte hinterfragt und folglich auch völlig neue Wege gegangen werden. Selbst Gegengewichte werden heute überflüssig, was vor Jahren gewiss noch niemand für möglich gehalten hätte.
Kategorie: Fachaufsaetze Ausgabe 2/2009
Erstellt von: Editor
1. Ausgangssituation
Bei der Konzeption neuer Aufzugsanlagen treten folgende Kriterien immer stärker in den Fokus der Betrachtung:
- effiziente Nutzung der Rohstoffe
- geringer Energieverbrauch bei der Herstellung und während des Betriebs
- lange Lebensdauer aller Komponenten
- Möglichkeiten des Recyclings
- Nachhaltigkeit der Produktion
Eine Berücksichtigung dieser Kriterien ist verbunden mit steigenden Anforderungen an die Tragmittel. Wurde vom Tragmittel schon immer eine hohe Lebensdauer erwartet, wird jetzt auch nach dem Einfluss auf Mensch und Umgebung während des Betriebs gefragt. Geräuscharmut und umweltverträgliche Schmierstoffe sind nur zwei von vielen Anforderungen denen moderne Tragmittel genügen müssen. Die Hersteller stellen sich diesen Anforderungen mit unterschiedlichen Konzepten. Nach wie vor jedoch ist im Aufzugsbau das Stahlseil das am weitesten verbreitete Tragmittel.
Der Energieaufwand zur Herstellung von Stahl als Ausgangsmaterial für die Produktion von Stahlseilen ist relativ gering. Entscheidend ist zudem, dass Stahl, einmal produziert, ohne Qualitätsverlust immer wieder recycelt werden kann. Darin liegt auch der Vorteil des Stahlseiles gegenüber Tragmittelverbundkonstruktionen und Tragmitteln aus anderen Konstruktionswerkstoffen. Kaum ein anderer Werkstoff verfügt über einen solch geschlossenen Kreislauf wie Stahl. Der Anteil von Schrott an der Gesamtstahlerzeugung steigt seit Jahren kontinuierlich an (Abb. 1). Dadurch wird wertvolle Energie gespart und letztendlich der CO2-Ausstoß verringert. In diesem Sinne ist Stahl ein umweltfreundlicher Werkstoff, dessen Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist. Bezogen auf das Stahlseil für Aufzüge ist eine Optimierung und Weiterentwicklung in zwei Richtungen möglich:
- Erhöhung des metallischen Querschnittes des Seiles
- Erhöhung der Festigkeit des Einzeldrahtes

2. Erhöhung des metallischen Querschnittes des Seiles
Im Aufzugsbau werden üblicherweise Stahldrahtseile mit Fasereinlage der Konstruktionen 8x19 Seale bzw. 8x19 Warrington verwendet. In dem Maße wie die Anforderungen an die Seile steigen, kommen zugleich auch immer häufiger Spezialseile mit neun Litzen und Vollstahleinlage oder Doppelparallelschlagseile zum Einsatz.
Aus Kenntnis der Tatsache, dass im Kranbau auch verdichtete Seile eingesetzt werden hat Gustav Wolf bereits 2004/05 umfangreiche Untersuchungen durchgeführt, um die Eignung solcher Seile für den Aufzugsbau zu prüfen. Die Ergebnisse wurden 2005 auf dem 2. Stuttgarter Seiltag vorgestellt.
Es ist allgemein bekannt, dass mittels verschiedener Bearbeitungsverfahren, wie Ziehen, Hämmern oder Walzen, sowohl komplette Seile als auch gezielt nur die Litzen der Seile verdichtet werden können. Beim Verdichten verändert sich immer die Form der Drähte, der metallische Querschnitt bleibt jedoch erhalten. Um den geforderten Seildurchmesser nach dem Verdichten nicht zu unterschreiten, werden als Ausgangsmaterial Außendrähte mit größerem Durchmesser eingesetzt. Daraus ergibt sich zugleich, dass das verdichtete Seil einen höheren metallischen Querschnitt gegenüber einem vergleichbaren, nicht verdichteten Seil hat. Außerdem bewirken die beim Verdichten auftretenden Druckkräfte, dass die Oberfläche der einzelnen Litzen geglättet wird.
Untersuchungen von Gustav Wolf beschäftigten sich mit den veränderten Eigenschaften verdichteter Stahldrahtseile. Dabei wurde folgenden Fragestellungen nachgegangen:
- Erhöht bei Seilen mit Fasereinlage allein die Verdichtung von Außenlitzen die Lebensdauer?
- Wie verändert sich das Dehnungsverhalten?
- Welchen Einfluss hat der höhere metallische Querschnitt auf die Lebensdauer?
- Sind die Litzen infolge der Verdichtung widerstandsfähiger gegen Querdruckkräfte?
Für die Untersuchungen wurden drei Seiltypen ausgewählt. Neben dem Standardseil 8x19 Seile mit Fasereinlage (8x19SNFC) wurde die gleiche Konstruktion mit Stahleinlage (8x19S-IWRC) sowie ein verdichtetes Seil mit Fasereinlage (8xK19SNFC) geprüft. Die genauen Seilparameter zeigt Abb. 2.

Die Dauerbiegeprüfung wurde entsprechend der Versuchsmethode des Instituts für Fördertechnik und Logistik (IFT) der Universität Stuttgart durchgeführt.
Die Biegezonen wurden entsprechend den Prüfregeln der OIPEEC (Organisation Internationale Pour l‘Etude de l’Endurance des Câbles) festgelegt. Alle Versuchsseile wurden mit dem gleichen Seilzug je Prüfhorizontbelastet. Die Prüfung erfolgte auf drei verschiedenen Prüfscheiben(Rundrille, unterschnittene Sitzrille, Keilrille) mit fünf verschiedenen Seilzugkräften bei einem D/d-Verhältnis von 25. Die Seile wurden mit Herstellerfettung aufgelegt und nicht nachgeschmiert.
Im Ergebnis der Untersuchungen wurden ermittelt:
- Bruchbiegewechselzahl in Abhängigkeit von den Scheibenparametern
- Bruchbiegewechselzahl in Abhängigkeit von der Seilkonstruktion
- Durchmesserentwicklung und Querdruckstabilität
- Dehnungsverhalten
Alle durchgeführten Prüfungen und ihre Ergebnisse wurden ausführlich in Liftreport 5/2005 [1] und Elevator World 3/2006 [2] beschrieben.
Zusammenfassend brachten die Untersuchungen folgende Erkenntnisse: Werden Seile mit Fasereinlage verdichtet, erreicht man eine Lebensdauerverbesserung. Seile mit Stahleinlage besitzen bei gleich großem Seilzug eine noch höhere Lebensdauer als verdichtete Seile mit Fasereinlage. Dies resultiert aus dem größeren metallischen Querschnitt.
Die Querdruckstabilität wird bei Seilen mit Fasereinlage durch das Verdichten nur unwesentlich verbessert. Hingegen weisen Seile mit Stahlseele eine deutlich höhere Querdruckstabilität auf.
Für verdichtete Seile wurde eine geringere Dehnung im Vergleich zu nicht verdichteten Seilen ermittelt. In der Verwendung verdichteter Seile liegt folglich ein Sparpotenzial, da im Betrieb Kosten eingespart werden können.
Schlussfolgerung aus den Versuchen ist, dass verdichtete Seile eine mögliche Alternative für den Einsatz im Aufzugsbau darstellen. Sie zeigen in allen Bereichen ein ähnlich gutes Verhalten wie Stahlseelenseile.
Zur Absicherung und Bestätigung der Versuchsergebnisse wurden 2006/07 weiterführende Untersuchungen durchgeführt. Ergebnis sind zwei neue Seile, die auf der Interlift 2007 präsentiert wurden und dort großes Interesse beim Publikum fanden. Besonderheit beider Seile sind verdichtete Außenlitzen.
CompactTrac und PowerTrac – Ergebnis zielorientierter Forschung und Entwicklung
CompactTrac (Abb. 3) ist ein 8-litziges Seil mit Fasereinlage und verdichteten Außenlitzen. Es besitzt eine höhere Lebensdauer gegenüber dem weit verbreiteten 8-litzigen Seil mit Fasereinlage. Das „Geheimnis“ des PowerTrac (Abb. 4) liegt in der gleichzeitigen Verwendung von verdichteten Außenlitzen und einer Stahleinlage. Dadurch wird eine deutliche Erhöhung der Lebensdauer erreicht.

Einen Vergleich der Lebensdauer anhand der Bruchbiegewechselzahlen von CompactTrac, PowerTrac und dem üblichen 8-litzigen Seil mit Fasereinlage zeigt Abb. 5.

Die beiden neuen Seile zeichnen sich im Einzelnen durch Verbesserungen in folgenden Bereichen aus:
- Längere Lebensdauer aufgrund höherer Biegewechselzahl
- Größere Verschleißfestigkeit aufgrund der größeren Oberfläche der Außenlitzen
Die größere Oberfläche der Außenlitzen sorgt für eine bessere Passgenauigkeit in der Rille der Treibscheibe und verhindert damit die punktuelle Belastung, wie sie bei herkömmlichen Aufzugsseilen auftritt. Der Anpressdruck wird gleichmäßiger auf das Seil verteilt. Neben dem Verschleiß werden dadurch auch die Lärmentwicklung deutlich verringert und die Vibration minimiert.
- Reduzierte Dehnung aufgrund des höheren metallischen Querschnitts
Das klar verbesserte Dehnungsverhalten der Seile reduziert zugleich den Wartungsaufwand. Wenn auf Kabinen- und Gegengewichtsseite unterschiedliche Kräfte wirken, wird der Dehnungsschlupf des Seiles auf der Treibscheibe durch den höheren E-Modul des Seiles verringert. Dies vermindert die Reibung und letztendlich den Verschleiß.
- Kleinere Durchmesser aufgrund höherer Bruchkräfte möglich
Einhergehend mit Materialeinsparungen wird eine Kostenreduzierung bei Neuinstallationen erreicht.
Mit CompactTrac und PowerTrac hat Gustav Wolf eine neue Generation von Aufzugsseilen entwickelt, die sich durch längere Lebensdauer sowie einfachere und kostengünstigere Wartung auszeichnen.
Zurzeit werden die Untersuchungen zur Erhöhung des metallischen Querschnittes auf die Verdichtung von Stahlseileinlagen ausgeweitet.
Herz und …
Die Qualität eines Drahtseiles und somit dessen Lebensdauer hängt – wie bekannt – ganz erheblich von der Einlage ab. Nicht umsonst wird diese auch heute noch als das „Herz“ bzw. die Seele des Seiles bezeichnet. Jedes Seil ist nur so gut wie seine Seele. Sie muss eine wirksame und langlebige Stützfunktion haben, damit die hohen Scheiteldrücke der umgebenden Litzen aufgenommen werden können und vorzeitige Litzenberührung vermieden wird. Insofern liegt der Gedanke nahe, über die Stärkung der Seele eine Erhöhung der Lebensdauer der Seile zu erreichen.
Heutzutage, da die Anlagen immer größere Höhen zu überwinden haben, ist es unstrittig, dass Seile mit Stahleinlage diejenigen mit Naturfasereinlage verdrängen, obwohl Seile mit Fasereinlage für bestimmte Anwendungen durchaus noch ihre Berechtigung haben. Aus den Anfangstagen der Stahleinlage bekannte Erscheinungen wie Lockerungen oder Korbbildung der Außenlitzen gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Die Abstimmung der Berührungsverhältnisse zwischen der Stahleinlage und den Außenlitzen wird von den Seilherstellern beherrscht.
Heute werden in Aufzugsanlagen fast ausschließlich 8- und 9-litzige Seile eingesetzt, da bei diesen Seilen die Auflagefläche in der Rille größer als bei 6-litzigen Seilen ist und somit die Hertz’schen Pressungen kleiner sind. Gerade bei 8- und 9-litzigen Seilen kommt einer richtig dimensionierten Einlage jedoch besondere Bedeutung zu. Das gegenüber 6-litzigen Seilen größere „Litzengewölbe“ muss radial gut abgestützt werden ohne dass es zu Litzenberührungen kommt.
Verdichtete Seileinlagen
Auch Aufzugsbauer versuchen immer weiter in die Grenzbereiche des Machbaren vorzudringen. Beispielsweise kommen immer kleinere Treibscheiben zum Einsatz. Die daraus resultierenden kleineren D/d-Verhältnisse und höheren Zugspannungen ergeben jedoch höhere Flächenpressungen sowohl zwischen Seil und Seilscheibe als auch im Inneren des Seiles. Bei Seilen mit Stahlseele sind diese inneren Pressungen größer als bei Seilen mit Fasereinlage. Die Pressung verringert sich aber, wenn die Oberfläche der Drähte der Stahlseele abgeflacht wird, d. h. die Litzen verdichtet werden.
Durch eine glattere Oberfläche der Drähte der Litzen wird die Kerbwirkung wesentlich verringert. Eine verdichtete Stahlseele mit ihrem erhöhten metallischen Querschnitt ist außerdem wesentlich formstabiler. Dadurch wird die Durchmesserreduzierung und die Kerbwirkung zwischen den Außenlitzen verzögert.
In vergleichenden Dauerbiegeprüfungen bei gleicher Belastung zeigen Seile mit verdichteter Stahlseele eine um 10 % höhere Biegeleistung als Seile mit nicht verdichteter Seele.
Die Biegeleistung kann weiter gesteigert werden, wenn eine ausreichende und regelmäßige Nachschmierung erfolgt. In Abb. 6 ist die Erhöhung der Biegeleistung durch kontinuierliche Schmierung im Biegeversuch für ein Seil mit Fasereinlage, ein Vollstahlseil und ein kombiniertes Seil („mixed core“) dargestellt.

Aus Abb. 6 ist auch ersichtlich, dass der Grad der Erhöhung der Biegeleistung durch Nachschmierung beim Seil mit Vollstahleinlage am höchsten ist. Dies zeigt, dass die Vorteile eines Vollstahlseiles nur zum Tragen kommen, wenn es regelmäßig nachgeschmiert wird.
Andererseits steht außer Frage, obwohl das Thema durchaus kontrovers diskutiert wird, dass Fasereinlagen Schmierstoff speichern und im Laufe der Lebensdauer des Seiles an dieses abgeben.
Bei einem „mixed core“-Seil werden die Vorteile der reinen Fasereinlage auf ideale Weise mit denen der Vollstahleinlage kombiniert. Dadurch wird nicht nur die Reibung der Drähte untereinander, sondern auch die Reibung zwischen den Drähten der Litzen der Stahlseele und den Drähten der Außenlitzen verringert. Zugleich werden die Litzen der Stahlseele weich abgestützt und die Pressung zwischen Stahlseele und Außenlitzen verringert sich. Werden die Litzen der Einlage zusätzlich verdichtet, wie bei den Seilen PAWO F3 IWRC(K) (Abb. 7) und PAWO F7IWRC(K) (Abb. 8), sind die Voraussetzungen für höchste Lebensdauer gegeben.

3. Erhöhung der Festigkeit des Einzeldrahtes
Die Nennfestigkeit von Aufzugsseilen ist in DIN EN 12 385-5 vorgeschrieben. Dennoch ist eine Erhöhung der Festigkeit bestimmter Drähte möglich, da es in der Norm auch heißt: „Die Nennfestigkeiten von Kerndrähten, Füll- und Einlagedrähten müssen vom Hersteller festgelegt werden“. Dies bedeutet, dass der Hersteller z. B. Innendrähte mit hoher Festigkeit verwenden kann.
Werden auch in der Decklage hochfeste Drähte verarbeitet, dürfen diese Aufzugsseile nur mit gesonderter Baumusterprüfbescheinigung verwendet werden. Beispiele für solche Spezialseile sind das PAWO 8x19W-IWRC 6,0 mm und 6,5 mm, welche in den Aufzügen ISIS und Synergy von ThyssenKrupp Elevator eingesetzt werden sowie das PAWO F3 6,0 mm, das von LM Liftmaterial für den JADE-Aufzug verwendet wird.
Neben den positiven Auswirkungen der Festigkeitserhöhung, wie Bruchkraftsteigerung, Durchmesserverringerung, mögliche Verkleinerung des Treibscheibendurchmessers und den Einsparungen an Material und Energie, müssen natürlich auch die weniger positiven Auswirkungen beachtet werden. So kann es zu erhöhtem Verschleiß an weichen Treibscheiben kommen. Es können nur gehärtete Scheiben eingesetzt werden. Aus Schachtförderanlagen sind jedoch auch gefütterte Scheiben (z. B. BEKURIT) bekannt. Des Weiteren kann über den Einsatz von Kunststoffscheiben nachgedacht werden, wobei die Probleme der Erkennung der Ablegereife von auf Kunststoffscheiben laufenden Seilen bedacht werden müssen.
Die Fertigung hochfester Drähte setzt umfangreiches Know-how voraus.
Herstellung von hochfesten Drähten
Die Erzeuger von Stahl-Walzdraht haben heute weit über 200 Qualitäten im Angebot. Seildrähte werden im Allgemeinen aus unlegiertem Stahl mit einem Kohlenstoffgehalt von etwa 0,4 bis 0,9 % durch Kaltverformung hergestellt. Als Ausgangsmaterial dient Walzdraht nach DIN EN 10 016 mit einem Durchmesser von 5 bis 10 mm.
Die Auswahl des Stahles und seine Verarbeitung zu einem Draht tragen dazu bei, eine möglichst hohe Widerstandsfähigkeit gegen Pressung bei optimaler Biegefähigkeit zu erreichen. Nach dem bisherigen Kenntnisstand bietet ein feinkörniges Stahlgefüge dafür die besten Voraussetzungen. Durch bestimmte Zugaben zur Schmelze und insbesondere durch den nachfolgenden Verarbeitungsweg zum Seildraht wird Einfluss auf die Korngröße genommen.
Festigkeit und Eigenschaften der Drähte werden im Wesentlichen durch den Kohlenstoffgehalt des Stahles, den Verformungsgrad beim Ziehprozess und die innerhalb der Kaltverformung eingeschalteten Wärmebehandlungen (Patentierungen) bestimmt. Mit steigendem Kohlenstoffgehalt und steigender Verformung nimmt die Festigkeit des Drahtes zu, seine Dehnung, Biege- und Verwindungsfähigkeit dagegen nehmen im Allgemeinen ab.
Seildrähte aus mikrolegierten Stählen (z. B. legiert mit Chrom oder Vanadium) zeigen bei hoher Festigkeit gute physikalische Eigenschaften. Die höchste Walzdrahtgüte besitzt zzt. Stahl mit einem Gehalt von 0,92 % Kohlenstoff und mikrolegiertem Chrom.
Bezüglich des Einflusses steigender Drahtfestigkeiten auf die Dauerbiegeeigenschaften und letztlich auf die Lebensdauer eines Seiles gab es in der Vergangenheit unterschiedliche Aussagen. So wurde von Woernle [3] zum einen festgestellt, dass bei konstanter Seilzugkraft die Seillebensdauer für Drahtfestigkeiten von 1280 bis 1960 N/mm2 konstant ist, zum anderen die Lebensdauer bei konstanter Seilsicherheit mit wachsender Drahtfestigkeit abfällt. Müller [4] stellte fest, dass Seile, hergestellt aus Drähten der Nennfestigkeiten 1570 bis 1960 N/mm2, bei gleicher Zugkraft auch annähernd gleiche Biegewechselzahlen erreichen.
Erstmalig untersuchte Wolf [5] eine größere Anzahl von Seilen bezüglich des Einflusses der Drahtfestigkeit auf die Lebensdauer. Die Dauerbiegefestigkeit der Drähte wird von Wolf als ein Parameter herausgearbeitet, der die Lebensdauer des Seiles beeinflusst. Im Ergebnis der Untersuchungen wurde festgestellt, dass ein Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Umlaufbiegefestigkeit und dem Anstieg der Lebensdauer der Drahtseile besteht, sofern andere Parameter, wie z. B. besonders kleine oder große Einlagenmassen der Seile, bei der Betrachtung vernachlässigt werden.
Abb. 9 zeigt eine Drahtumlaufbiegemaschine wie sie bei Gustav Wolf für die Qualitätssicherung im Einsatz ist. Zwischen zwei Spannfuttern wird der zu prüfende Draht in einem Bogen von 180° eingespannt. Eines der beiden Spannfutter ist angetrieben, das andere läuft leichtgängig mit. Der Abstand der beiden Spannfutter ist einstellbar. Dadurch kann die Belastung und letztendlich die Biegespannung verändert werden. Die erreichten Umdrehungszahlen bei unterschiedlichen Biegespannungen werden aufgezeichnet. Aus den Messwerten wird eine Lebensdauerkurve (Wöhlerkurve) (Abb. 10) ermittelt, die Auskunft über die dynamische Leistungsfähigkeit des Drahtes gibt.

Kontinuierliche produktionsbegleitende Untersuchungen an den produzierten Seildrähten haben bei Gustav Wolf zu einer Optimierung des Drahtziehverfahrens geführt. Mit Hilfe der beschriebenen Untersuchungen und den daraus abgeleiteten Erkenntnissen, ist es heute möglich, für alle Seilkunden den speziellen Anforderungen entsprechende hochfeste Seile zu produzieren.
Seile aus hochfesten Drähten
Ein Produkt der Forschungsarbeit von Gustav Wolf ist das Aufzugsseil 4,0 mm. Dieses Seil besitzt eine Drahtfestigkeit größer 2000 N/mm2 und zeichnet sich durch hervorragende Dauerbiegeeigenschaften aus. Es wird seit Längerem erfolgreich in den Anlagen Maxispace und Re-Generate von Kone eingesetzt (Abb. 11).

Bei Verwendung eines solch dünnen Seiles hat der Aufzugshersteller die Möglichkeit, den Durchmesser der Treibscheibe, im Vergleich zur Treibscheibe bei Verwendung eines Seiles 8,0 mm oder größer, ganz erheblich zu verringern. Dadurch reduziert sich die notwendige Antriebsleistung und somit können kleinere, energiesparende Motoren eingesetzt werden. Aber auch bei der Produktion des Seiles selbst werden hochwertige Rohstoffe eingespart. Würde in einer vergleichbaren Installation ein Seil der Drahtfestigkeit 1570 N/mm2 eingesetzt, würde sich das Gewicht der Seile um ca. 40 kg pro Anlage erhöhen. Bei einer nicht unrealistischen Annahme von 1000 Anlagen-Installationen pro Jahr ergibt sich rechnerisch eine Einsparung von 40 t Stahl.
Bei dickeren Seilen wird das Einsparpotenzial an Material und Energie beim Einsatz von höherfesten Drähten noch offensichtlicher. So besitzt das 9-litzige Seil 19,0 mm PAWO F10 HT eine Bruchkraft, die zzt. nur von 22,0 mm-Seilen vergleichbarer Konstruktion erreicht wird. Vergleicht man das Metergewicht, so liegt es beim 19,0 mm-Seil hoher Festigkeit um ca. 40 % niedriger als beim 22,0 mm-Seil. Da die 9-litzigen Seile insbesondere in Highrise-Anlagen zum Einsatz kommen, wo die Seile eine sehr lange Lauflänge haben, zählt jedes Gramm Eigengewicht. Neben den Einsparungen an Material ist besonders die Reduzierung der Antriebsleistung, also von wertvoller Energie, erheblich.
4. Zusammenfassung
Werden die Möglichkeiten der Beeinflussung der Stahleigenschaften bei der Verarbeitung des Stahles zu Drähten und bei der Weiterverarbeitung der Drähte zielgerichtet ausgenutzt, kann eine erhebliche Leistungssteigerung von Stahlseilen als Tragmittel im Aufzugsbau erreicht werden. Das schont zugleich die Ressourcen unserer Erde und spart Energie.
Durch zielgerichtete Forschung und Entwicklung konnte Gustav Wolf neue hochleistungsfähige und energieeffiziente Stahlseile entwickeln und im Markt einführen. Kontinuierliche Investitionen in die Produktionsanlagen für Draht und Seil gewährleisten Produkte auf höchstem Niveau, bei gleichzeitiger Reduzierung der Umweltbelastung, des Energiebedarfs und des Rohmaterialverbrauchs. Einem solchen nachhaltigen Produktionsprozess hat sich Gustav Wolf verpflichtet.
Literatur
[1] Wolf, E., Franz, A.: Seilentwicklung für Aufzugsanlagen; Lift-Report, Heft 5/2005, 28–32
[2] Wolf, E., Franz, A.: Rope Development for Elevators; Elevator World, March 2006, 122–126
[3] Woernle, R.: Ein Beitrag zur Klärung der Drahtseilfrage; VDI 72 (1929) 13, 417–426
[4] Müller, H.: Drahtseile im Kranbau, Auswahl und Betriebsverhalten; VDI Bericht Nr. 98, Nachdruck dhf 12 (1966) 11, 714-716 und 12, 766–773
[5] Wolf, E.: Seilbedingte Einflüsse auf die Lebensdauer laufender Drahtseile, Diss. Universität Stuttgart 1987
Vortrag anlässlich der Heilbronner Aufzugstage 2009.

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