Ausgabe 6/2004
11/01/04
VFA bietet gutes Seminarprogramm
Kasseler Aufzugstage
Die Kasseler Aufzugstage des VFA sind zu einer Institution geworden. Auch in diesem Jahr haben es die etwa 40 Teilnehmer nicht bereut, sich am vierten und fünften November zwei Tage Zeit genommen zu haben. Durch eine Vielzahl von Referaten – quer durch alle Betriebsbereiche – konnten sie eine Fülle von Informationen und Anregungen für die Umsetzung in die eigene betriebliche Praxis mitnehmen. Die Veranstaltung hat ihren Informationswert weiter erhöht und die Messlatte hoch gelegt.
Kategorie: Fachaufsaetze Ausgabe 6/2004
Erstellt von: Editor

Zehn Referenten haben es verstanden, zwei Tage lang so interessant vorzutragen, dass immer ungeteilte Aufmerksamkeit zu spüren war. Das spricht für die Thematik und die Referenten. Gerade in einer Zeit, in welcher bei der Teilnahme an dieser Art Veranstaltungen die „Kostensparorientierung“ der Firmen durchschlägt, war es geschickt diese Vielfalt anzubieten. Die Teilnehmer der VFA-Akademie erhielten vom Inhalt her ein Angebot, welches sie sonst nur durch die Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungen hätten abdecken können. Kaufleute wie Techniker kamen zu ihrem Recht und so war es eigentlich nur folgerichtig, dass die Bewertung allgemein sehr gut ausfiel.

Der VFA-Vorsitzende, Achim Hütter, begrüßte die Teilnehmer und moderierte die Veranstaltung am ersten Tag. Schon das überzeugte die Teilnehmer von der Wertigkeit. Da in den Seminarunterlagen alle Vorträge mit umfangreichen Dokumentationen vorhanden sind, wird um Verständnis gebeten, wenn in diesem Bericht die einzelnen Vorträge nur in kurzen Auszügen/Zusammenfassungen wiedergegeben werden.

Der Start oblag einem Vortragsroutinier. Dr.-Ing. Gerhard Schiffner berichtete über den Stand der Europäischen Normung für Aufzüge. Da er noch am Vortag an einer Ausschusssitzung teilgenommen hatte, floss der aktuellste Stand in seine Ausführungen ein. Zunächst gab es eine Übersicht über alle Normungsaktivitäten in CEN/TC 10 und in Vorbereitung befindliche Normen mit einer Angabe ihrer voraussichtlichen Veröffentlichung. Es kommt noch vieles auf die Aufzugsindustrie zu, aber es konnte auch festgestellt werden, dass z. B. von insgesamt europaweit 74 relevanten Gefährdungen bei der Sicherheit bestehender Personen- und Lastenaufzüge nach entsprechender Filterung nur noch neun Gefährdungen übrig bleiben, die nach BetrSichV umgehend zu beseitigen sind. An Bedeutung gewinnen wird die EN 81-1/2 prA2 (Aufzüge ohne Triebwerksraum), wobei es besonders um die Anforderungen an Aufstellungsorte von Triebwerk und Steuerung, um die Anordnung von Wartungsflächen und allgemeine Anforderungen geht. In Vorbereitung ist auch die prEN 81-21 (Neue Aufzüge für bestehende Gebäude), die an Bedeutung gewinnt, weil der Komplettaustausch einer alten Anlage im Markt auf dem Vormarsch ist, was auch zu einem Aufschwung des Neuaufzugsgeschäfts führt. Ebenfalls sind die prEN 81-71, Schutzmaßnahmen gegen mutwillige Zerstörung, und die prEN 81-73, Verhalten von Aufzügen im Brandfall, in Vorbereitung. Immer ist zu beachten, dass die europäische Norm stets Vorrang vor nationalen Vorschriften hat. Erfreulicherweise besteht in den neuen EU-Ländern die Tendenz, sich schnell den Erfordernissen der EN-Regelungen anzupassen.

Wolfgang Raike von der Raike Kommunikation GmbH informierte über gutes Marketing mit kleinem Etat, welches sich auch der krisengebeutelte Mittelständler leisten sollte. Auch wenn Kostensenkungsprobleme im Vordergrund stehen, sollte ein Konzept für Marketing nicht ganz unter den Tisch fallen. Die richtigen Kommunikationsinstrumente sind dabei wichtig, genauso wie die anzusprechende Zielgruppe und die Frage: „Was will ich meiner Zielgruppe eigentlich sagen?“ Bei der Umsetzung und Aufmachung sollte man sich vorher sehr genau in die Gedanken und Überlegungen der anzusprechenden Zielgruppe versetzen, denn nur so erreicht man mit den gewählten Instrumenten die gewünschten Ansprechpartner. Corporate Identity sollte allen Aktionen des Marketingmix zu Grunde liegen, damit allmählich ein Wiedererkennungswert entsteht. Natürlich sollte eine Wirkungskontrolle erfolgen, damit wenigstens der Erfolg einer Werbemaßnahme gemessen werden kann. Viele dieser Marketingaktivitäten können natürlich mit eigenem Personal vollzogen werden. Aber es hat sich auch herausgestellt, dass gute Aktivitätsansätze häufig „im Sande verlaufen“, weil durch das tägliche Geschäft die nötige Zeit fehlt. Selbstverständlich musste Wolfgang Raike zu dem Schluss kommen, eine externe Beratung ist die bessere Lösung. Der Berater hat nun mal die objektivere Wahrnehmung von dem Unternehmen und neigt nicht – wie häufig eigene Leute – zur Schönfärberei.

Die meist trockene Juristerei wurde von RA Waldemar Cimala sehr lebhaft vorgetragen. Die Ausführungen über AGB, VOB und Produkthaftung sollten intensiv beachtet werden, weil sonst häufig Situationen entstehen, die vor dem Richter zum eigenen Nachteil gereichen. Die AGBs müssen auf eine erkennbare körperliche Behinderung des Vertragspartners Rücksicht nehmen und völlig transparent sein. Die VOB sollte immer Vertragsbestandteil werden und dem Vertragspartner auf jeden Fall ausgehändigt werden. In der VOB dürfen Gewährleistungsfristen abgeändert werden. Ab dem 31. Dezember 2004 gelten für die Verjährung gegenüber Verbraucher und Unternehmen einheitlich drei Jahre. Ab 1. Mai 2004 gilt das Geräte- und Produktsicherheitsgesetz (GPSG), welches insgesamt verbraucherschützende Wirkung entfaltet. Nur durch eine gute Dokumentation kann sich der Hersteller vom haftungs- und gegebenenfalls auch strafrechtlichen Vorwurf entlasten. Was zu dokumentieren ist, ergibt sich aus der Frage, welche vorhersehbaren Risiken sich aus der Verwendung eines Produktes ergeben. Dabei muss (nach Landgerichtsbeschluss) vom „dümmsten Verbraucher“ ausgegangen werden. Was dokumentationspflichtig ist, ist abhängig davon, wer in die Haftung genommen werden kann. Das kann sein der Gebäudeeigentümer, der Gebäudebesitzer, der Hersteller, der Wartungsbetrieb, derjenige, der die Wartung überprüft und abnimmt (z. B. der TÜV). Man sieht: eine Vielzahl von Problemen, auf die in der Praxis sorgfältig geachtet werden sollte. Ständig müssen die betrieblichen Unterlagen den neuen Gesetzesänderungen angepasst werden und die eigenen Verträge müssen ständig „gewartet“ werden. Mehr und detailliertere Ausführungen erhalten Sie im Internet unter www. jur-abc.de/VFA.

Die Ausführungen von Dipl.-Ing. Hartmut Liebig, LM Liftmaterial, zur praktischen Umsetzung der Normen am Beispiel behindertengerechter Aufzüge nach EN 81-70 und Feuerwehraufzüge nach EN 81-72 werden hier nicht sehr weitgehend kommentiert, weil sich danach unschwer eine Chequeliste erstellen ließe, die allgemein angewendet werden könnte. Das ist (nach Absprache mit den Referenten) sicherlich nicht Sinn dieses Seminarbeitrages gewesen. Nähere Informationen sind nur durch direkte Kontaktaufnahme mit dem Referenten zu erhalten.

Das Thema „Versicherungen“ sollte durchaus einmal im Jahr für einen Tag zur Chefsache gemacht werden, d. h. alle Verträge sollten überprüft und gegebenenfalls angepasst und eventuell zusätzliche abgeschlossen werden. Ralf Kammen und Peter Förster vom Versicherungsmakler Naber GmbH konnten anschaulich vermitteln, welche Veränderungen warum nötig sind und welche nicht. Anhand einer historischen Betrachtung und verschiedener Phasen des allgemeinen Versicherungsmarktes wurde die Entwicklung der Versicherungsprämie aufgezeigt und die Stellung des Maklers als unser Interessenvertreter gegenüber dem Versicherten definiert. Seine unabhängige freie Stellung garantiert einen Versicherungseinkauf für uns als Kunden ohne Abhängigkeit von einer Versicherungsgesellschaft. Seine große Marktübersicht, Kaufkraft und Industrieerfahrung verhilft seinen Kunden meistens zu guten Konditionen. Oftmals wendet man sich diesem Thema erst zu, wenn es schon zu spät ist. Daher vonseiten der Vortragenden die Empfehlung, nach einer ersten Kontaktaufnahme eine Analyse zu erstellen, danach eine Anpassung vorzunehmen und dann eine regelmäßige Prüfung der bestehenden Deckung zu vollziehen. Nach dem Vortrag ist sicherlich manch ein Teilnehmer nachdenklich geworden, zumindest sollte man nach Hause gefahren sein mit dem Vorhaben, sich noch vor Jahresende einen Tag mit dieser Problematik zu beschäftigen.
Am zweiten Tag übernahm Werner Köpff die Moderation und konnte bei der pünktlichen Begrüßung der Teilnehmer Vollständigkeit feststellen, was aber kein Zeichen dafür war, dass die abendlichen Fachgespräche im Teilnehmerkreis nicht minder intensiv waren als früher. Nur sind wir vielleicht alle etwas vernünftiger geworden und keiner hat mehr den Ehrgeiz, abends der Letzte zu sein.

Die Globalisierungsentwicklung insgesamt, die schleppende Konjunktur im Inland und der Konjunkturboom besonders im asiatischen Ausland war der aktuelle Hintergrund zu dem Thema „Auftritt in fremden Märkten“, vorgetragen von Stephan Kretzschmar, LM Liftmaterial, und Frau Dr. Ursina Böhm. Seit über 25 Jahren verantwortlich für den Export bei mehreren Firmen, hatten wir mit Stephan Kretzschmar einen erfahrenen Praktiker, der diese Arbeit jahrelang systematisch verfolgt hat. Natürlich beginnt man mit einer Marktanalyse, wenn man so einen Auftritt neu plant. Das beginnt mit Informationen bei Institutionen wie IHK, Banken und anderen Verbänden und endet mit eigenen Recherchen. Es müssen der Bedarf, die Konkurrenzsituation, eventuelle Handelshemmnisse, die Transportwege und damit verbundene Lieferzeiten und die Produktakzeptanz ermittelt werden. Die gesetzlichen Grundlagen im fremden Land und auch die politische Situation sollten bekannt sein. Ein nächster Schritt wäre eine eingehende Kundenpotenzialanalyse und der Besuch von Messen und Ausstellungen in dem entsprechenden Land, aber auch woanders auf der Welt, damit man bekannt wird. Die Produktanforderungen müssen den Landesvorschriften entsprechen und die Dokumentation in der Landessprache verfasst werden. Die Vertriebswege sollten überlegt und das Investitionspotenzial kalkuliert werden. Als Fazit sollte man immer bedenken, dass ein Exportanteil sicherlich gut ist und in einem Land mit Konjunkturboom auch recht erfolgreich sein kann, aber man darf darüber das Inlandsgeschäft nicht vergessen, denn das ist meistens die Grundlage des Gesamtgeschäfts.

Dieser Vortragsteil aus der Praxis wurde von Dr. Ursina Böhm durch das Aufzeigen Interkultureller Kompetenzen wirkungsvoll ergänzt. Die Kenntnisse der anderen Kultur und auch die Fähigkeit sie zu akzeptieren und angelernte Teile davon zu leben sind eine „conditia sine qua non“, um im fremden Land Erfolg zu haben. Dabei ändert sich eine Kultur von Generation zu Generation und es gibt Teile, die man nicht im ersten Augenblick realisiert, sondern erst teilweise nach langer Zeit verinnerlicht, wenn man sich stark damit auseinandersetzt. Kulturdimensionen drücken sich aus z. B. in der Machtdistanz (wird Autorität akzeptiert) in den Verhältnissen von Individualismus und Kollektivismus (sorgt jeder für sich oder ist der Mensch in der Gruppe geschützt), im Verhältnis von Maskulinität und Feminität und in der Unsicherheitsvermeidung (wie geht man mit Unsicherheit um). In Deutschland ist z. B. der Wunsch nach Sicherheit, Regelungen sehr hoch, während in China die Unsicherheit durch das Knüpfen von Beziehungen aus einem Netzwerk zu vermeiden gesucht wird. Die erfolgreiche interkulturelle Kommunikation kann nur gelingen, wenn Sender und Empfänger die aus unterschiedlichen Kulturbereichen stammen, die Botschaften in ihre Ebene problemlos umwandeln können. Dabei gibt es mehrere Kommunikationsebenen die verbale (z. B. Sprache, Schrift), die nonverbale (z. B. Körperdistanz, Blickkontakt, Gestik, Mimik) und die paraverbale (z. B. Tonfall, Lautstärke). Ein Dolmetscher sollte in beiden Kulturen zu Hause sein, er hat es dann wesentlich leichter. Hilfreiche Regeln für die Kommunikation können sein: Das Verständnis zeigen für den anderen, das aktive Zuhören, das Feedback beim anderen einholen. Wichtig ist zunächst das Bewusstsein für die andere Kultur und die Aufgeschlossenheit ihr gegenüber. Ziel muss es sein kulturbedingte Unterschiede in der eigenen Handlungsweise und -planung angemessen zu berücksichtigen, dann wird man Synergien erreichen. Ein Ausspruch von Konfuzius sagt’s in einem Satz: „Wer nicht fragt, ,wie muss ich mich verhalten?‘, zu dem werde ich mich überhaupt nicht verhalten.“ Wie einfach haben wir es in Europa, obwohl es auch da große Unterschiede im Kulturverhalten gibt.

Nach dem sich das Seminar vor zwei Jahren noch ausführlich mit Basel II und seinen Auswirkungen beschäftigt hatte, haben zwei Jahre Fortentwicklung mit entsprechenden Erfahrungen im Verhältnis Banken – Mittelstand zum Thema „Mezzanin-Kapital“ geführt. Dipl.-Ing. Kai Ulrich Hartmann (youmex AG) zeigte uns Möglichkeiten auf, die für unser Rating so wichtige Eigenkapitalquote zu erhöhen. Weil es eine Mindestlaufzeit von fünf Jahren hat, weil es Gläubigerrechte und keine Gesellschafterrechte einräumt, weil es eine Nachrangigkeit gegenüber klassischem Fremdkapital besitzt, weil es für jede Gesellschaftsform geeignet ist und weil es durch die Endfälligkeit bzw. planmäßige Tilgung keiner spezifischen Sicherheiten bedarf wird das Mezzanin-Kapital bilanztechnisch dem Eigenkapital zugrechnet und erleichtert damit gemäß Basel II die Erlangung von Fremdkapital, meistens zu billigerem Zins. Allerdings sollte der Nachfrager nach Mezzanin-Kapital ein Unternehmer mit stabiler Marktposition, gut entwickelter Produktlinie, einem Jahresumsatz von mindestens 5 Mio. Euro und einem Branchen erfahrenen Management sein. Einsatzgebiete können sein: Wachstumsfinanzierungen, Umschuldungen, Projektfinanzierungen. Nur ein gesundes Unternehmen wird von diesem Zusatzkapital profitieren können. Auf jeden Fall ist dies für viele Mittelständler ein interessanter Ansatzpunkt.

Jeden am Wirtschaftsleben beteiligten hat sicherlich in letzter Zeit eine Insolvenz in der Kundschaft getroffen, sodass Dr. Thomas Schlegel von der Creditreform Kassel mit seinem Thema „Forderungsmanagement“ auf volles Interesse traf. Viele von uns finanzieren ihre Kunden durch Lieferantenkredite, d. h. Zahlungsziele werden verlängert und darüber hinaus wird Zahlungsverzug in Anspruch genommen. Natürlich kann ein Unternehmen daran etwas tun, aber ein neutraler Dritter kann unter Umständen gezielter einem Kunden gegenüber auftreten und erreicht schneller einen Forderungsausgleich, d. h. die eigene Liquidität erhöht sich. Am eigenen Beispiel hat der Berichterstatter in letzter Zeit erfahren müssen, dass Outsourcing des Mahnverfahrens wesentlich erfolgreicher war als die eigenen Aktivitäten.

Der VFA-Vorsitzende Achim Hütter konnte pünktlich eine außerordentlich interessante und erfolgreiche Veranstaltung schließen. Die gute Organisation im Hintergrund und das Vortragen mit modernster Technik, alles gehandelt durch Angela Stamm, hat natürlich auch zum Erfolg beigetragen. Als einziges Manko bleibt eigentlich nur, dass diese Vorträge nicht nur 40 sondern 70 Teilnehmer im Auditorium gut hätten verkraften können. Die Anwesenden haben sicherlich viele Tipps für die Tagesarbeit mitgenommen.
Dr. Peter Lauer
6/2004


