Ausgabe 4/2010


07/01/10

Eine Objektbeschreibung


Aufzugsbau ist keine Kunst ?
Werner Beck
Was für Berlin die berühmte Museumsinsel ist, findet in der bayerischen Landeshauptstadt München mit den bedeutenden Kunstmuseen am Rande des „Künstlerviertels“ Schwabing seine Entsprechung. Vier Bauwerke, nur wenige Schritte voneinander entfernt, präsentieren dem kunstbegeisterten Publikum ihre Sammlungen auf dem Kunstareal Münchens:
Die Alte Pinakothek beherbergt die sogenannten „Alten Meister“. In der Neuen Pinakothek befinden sich Gemälde aller wichtigen Epochen vom späten 18. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Pinakothek der Moderne ist eines der weltweit größten Museen für die bildenden Künste des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Museum der Sammlung Brandhorst zeigt seit Mai 2009 zeitgenössische Werke moderner Künstler.
Kategorie: Fachaufsaetze Ausgabe 4/2010
Erstellt von: Editor

Aufzugstechnik im Dienste der Kunst – Aufzugstechnik als Kunstobjekt

Der Fokus dieses Berichts liegt auf der Pinakothek der Moderne, denn in diesem besonders von der Architektur geprägten Bauwerk werden auch Aufzugstechnik und Aufzugsdesign besonders sichtbar – und zwar auf zweierlei sehr unterschiedliche Weise. Zwei ganz verschiedene Aufzugssysteme mit ganz unterschiedlicher Bestimmung erwarten den Besucher:
Einmal zwei spektakuläre Paternoster- Aufzüge, die der Präsentation von Design- Objekten in der Neuen Sammlung – The International Design Museum Munich dienen.
Zweitens ein Personenaufzug für die Museumsbesucher, der durch interessantes Design und ungewöhnliche Blickperspektiven überrascht.
Paternoster und modernes Design?
Wie geht das zusammen? Diese Frage stellt sich sofort, denn der Paternosteraufzug ist ja eher ein historisch zu sehendes Aufzugssystem, das aus guten Gründen heute kaum noch im Einsatz ist. Der erste Paternosteraufzug wurde 1883 in London installiert. Seit 1974 dürfen in Deutschland keine neuen „Personenumlaufaufzüge“ mehr in Betrieb genommen werden, nur einige wenige Anlagen werden nach entsprechenden technischen Auflagen aus nostalgischen Gründen in Europa noch betrieben.
Trotz der ständigen Verfügbarkeit für Fahrten in beide Richtungen sowie dem Entfallen von Wartezeiten überwiegen doch die Nachteile des Systems: Die Unfallgefahr beim Besteigen und Verlassen des Aufzugs, die Geräuschentwicklung der Treibkettenmechanik, die negative Energiebilanz durch den permanenten Betrieb sowie die verminderte Brandschutzsicherheit. Gemessen an modernen Aufzugsanlagen ist der Paternoster für die Personenbeförderung somit nicht mehr zeitgemäß.
Heute eher verbreitet sind moderne Industrie- Paternoster als Umlaufregalsysteme in verschiedenen Ausführungen bis hin zu mehrzügigen Anlagen. Sie ermöglichen in der Lagerhaltung von Betrieben schnelle Zugriffszeiten auf das Lagergut und können auch extrem schwere Güter transportieren.
Das Prinzip des Industrie-Paternosters war das Modell für die beiden Installationen in der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne. Die beiden jeweils acht Meter hohen Paternoster in der Dauerausstellung Design sind das extrem beliebte Highlight der Ausstellung. Geräuschlos und vor allem auch absolut ruckfreigleiten die Exponate aus den Bereichen Industrial Design und angewandte Kunst an den staunenden Augen der Besucher vorbei. So präsentiert auch einer der beiden Paternoster die edlen Objekte der aktuellen Ausstellung für stilbewusste Köche und Esser „Oggetti e Progetti. Alessi“ nicht in statischer Vitrinenanordnung, sondern in Bewegung. Nicht nur die Besucher, auch Museums-Experten aus aller Welt sind hingerissen von der Idee und Ausführung der Anlagen. Letztere stammt von dem Schweizer Unternehmen System Schultheiss AG und dabei liegt der Gedanke an Schweizer Präzisionsuhrwerke nicht fern.
Spannende Perspektiven im offenen Fahrkorb
        
Wem als Besucher des Museums zum Erreichen der verschiedenen Ausstellungen der Weg über Treppenanlagen zu mühsam ist, oder auch Rollstuhlfahrern steht der Personenaufzug zur Verfügung, der sich am Rande der großen zentralen Rotunde des Bauwerks befindet. In einem Kunstmuseum mit hohem Anspruch an Architektur wie der Pinakothek der Moderne, muss auch der Aufzug schon fast wie ein Designobjekt wirken. Dies ist den Planern der Thyssen-Anlage mit einer Tragkraft von 1800 kg (24 Personen) durch eine ungewöhnliche Lösung gelungen:
Der geschlossene ummauerte Aufzugsschacht mit massiven „blickdichten“ Aufzugstüren wirkt zunächst unspektakulär und fügt sich unaufdringlich in die zur Lichtkuppel der Rotunde aufstrebende Architektur ein. Doch beim Betreten der gläsernen eleganten Kabine, in der sich die Gestaltungsmerkmale des Gebäudes bis hin zu den in reduzierter Optik angebrachten Beschriftungen höchstästhetisch wiederfinden, richtet sich der Blick sofort nach oben. Der Clou ist der nach oben offene Fahrkorb ohne Kabinendach, der dem Liftpassagier die Perspektive des ganzen Aufzugsschachtes bietet und somit der Aufzugsfahrt eine besondere Dynamik verleiht. Der Schachtkopf mit Antriebseinheit ist unten mit Edelstahlblech komplett verkleidet, das nur von der Öffnung für die acht zentralen Tragseile des Seilaufzugs durchbrochen wird. Nur eine schmale, mit den Tragseilen verbundene Stahltraverse überspannt den offenen Fahrkorb.
Symbiose von Aufzugstechnik und Kunst
Bei diesen beiden so unterschiedlichen Aufzugssystemen und -ausführungen kann man durchaus von einer Symbiose von Aufzugstechnik und Kunst oder Design sprechen. Technisch interessant und optisch ausgesprochen ansprechend sind diese Anlagen allemal. So wird auch der kunstsinnige Aufzugsfachmann beim Besuch der Pinakothek der Moderne neben dem Kunstgenuss fachlich inspiriert. Da sage noch einer, Aufzugsbau ist keine Kunst!
Letztlich sei noch erwähnt, dass sich in der Pinakothek der Moderne noch ein weiterer barrierefreier Aufzug speziell für Rollstuhlfahrer befindet, der bei Bedarf vom Museumspersonal bedient wird.
Auch in anderen deutschen Museen gibt es natürlich interessant gestaltete Aufzugsanlagen, z. B. die Personen- und Lastenaufzüge mit bronzierten Meiller-Türen im Neuen Museum Berlin (Staatssammlung ägyptischer Kunst/Nofretete) von ATB Aufzugstechnik Berlin oder der freistehende Übereck-Aufzug von der Berchtenbreiter GmbH Rieblingen im Ulmer Museum.
Die Pinakothek der Moderne ist eines der weltweit größten Museen für die bildenden Künste des 20. und 21. Jahrhunderts. In ihrer Dimension ist sie mit dem Centre Pompidou in Paris oder der Tate Modern in London vergleichbar. Das im September 2002 eröffnete Gebäude von Stephan Braunfels zeichnet sich durch eine offene und großzügige Architektur aus, die Zusammenhänge schafft und den Besuchern immer wieder neue und überraschende Einblicke ermöglicht.
Vier eigenständige Institutionen arbeiten in der Pinakothek der Moderne unter einem Dach zusammen: Die Sammlung Moderne Kunst der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Die Neue Sammlung – The International Design Museum, Munich, das Architekturmuseum der Technischen Universität München und die Staatliche Graphische Sammlung. Die interdisziplinäre Ausrichtung der Pinakothek der Moderne erhält die Identität der einzelnen Sammlungen und präsentiert sie zugleich als miteinander verbundene Teile eines größeren kulturellen Kontextes.
Im Erdgeschoss befinden sich die Ausstellungsräume des Architekturmuseums der TU München und der Graphischen Sammlung. Den gesamten ersten Stock nimmt die Sammlung Moderne Kunst ein. Hier finden sich Hauptwerke der klassischen Moderne von Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Max Beckmann und Pablo Picasso sowie Werkkomplexe von Andy Warhol, Joseph Beuys, Donald Judd, Dan Flavin und Gerhard Richter. Ebenso präsent sind die zeitgenössische Kunst sowie die Fotografie, ferner auch die Klassische Moderne mit den Expressionisten, Kubisten und Futuristen. In den zwei Untergeschossen präsentiert Die Neue Sammlung Designobjekte: Produkte der Industriekultur und der angewandten Kunst, des Weiteren Automobildesign und Computer Culture sowie zeitgenössischen Schmuck.
Mit freundlicher Unterstützung der Landeskonservatorin der Neuen Sammlung – The International Design Museum Munich, Dr. Corinna Rösner
4/2010